Berol Kaiser-Reka: Musiker, Erfinder, Brandenburger
Es gibt Dinge an der Havel, von denen träumt man noch nicht einmal: Trompeten, in die verkehrt herum geblasen wird, Holzstämme, wie Geigen gespielt, und Lampenmasten, die geblasen werden. Eine märchenhafte Fantasiewelt der Musik tut sich auf, wenn man das Leben des Berol Kaiser-Rekaentdeckt. Er und vor ihm sein Vater Paul sind in Brandenburg an der Havel ein gutes Jahrhundert lang als Allround-Musiker mit einer wirklich großen Extraportion Kreativität tätig. Berol Kaiser-Reka lebt und erfindet noch heute in der Brandenburger Innenstadt. Die Kurstraße beherbergt die wohl kurioseste Sammlung der Havelstadt.
Vater Paul Kaiser begann als extrem vielseitiger Musiker und hatte bereits 1905 als „Musikal-Exzentriker“ seine erste offizielle Ankündigung im Brandenburger Apollo-Theater. Als ausgebildeter Musiker beherrschte er, wie auch später sein Sohn Berol, eine unglaubliche Vielzahl von Instrumenten. Von da aus war es nur ein kleiner Schritt ins kreative Lager, um zu der Musik noch ein wenig Clownerie zu machen. So wurde aus einem Xylophon ein Skelett, auf dessen Rippen man musizieren konnte. Heute ist dieses Instrument in der Kurstraße zu besichtigen. Im Laufe seines Musikerlebens sammelte Vater Paul Kaiser-Reka ständig Instrumente: Deutschlandweit, weltweit, überall wo er zu Auftritten unterwegs war. Diese Liebe ging auf seinen Sohn Berol über.
Wie es dann so geschieht: Die Sammlungen vom Vater und auch die des Sohnes stießen in Brandenburg an der Havel auf geringes Interesse. Wohl aber in Potsdam, Köln, Leipzig und weiteren Städten. Weshalb man dort den Großteil der Instrumentensammlungen der Kaiser-Rekas aufkaufte. Dort steht der Name Kaiser-Reka für die Sammler. Was beide um das Talent erweiterten, auch Instrumente selber reparieren und konstruieren zu können. Man erkennt schon hier: Beide sind so vielseitig begabt, dass das übliche Schubladendenken nicht weiterhilft.
Berol Kaiser, der später den Künstlernamen seines Vaters hinzunimmt, wird Anfang 1930 in Brandenburg an der Havel geboren. In der Zeit der späten Kriegswirren konnte er bereits seine erste Bühnen-Gage verdienen.
Zusammen mit seiner Mutter begleitete er öfter die Auftritte des Vaters in allen Teilen Deutschlands. Bei einem dieser Touren assistierte der kleine Berol hinter der Bühne.
Noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges lernt Berol das Musiker-Handwerk als Lehrling eines Staßfurter Musikschule, genannt „Stadtpfeife“, von der Pike auf. Lange Zeit wohnte die ganze Familie Kaiser-Reka an der Stadtschleuse 4. Die wohl etwas beengten Raumverhältnisse bescherten der Wohnung den Spitznamen „Villa Sperlingslust“. Als Vater Paul seinen Berol beim Untersuchen der Instrumente erwischt, meint er: „Junge, lass mir die Klamotten, du kannst später noch lange genug damit arbeiten.“
Im Jahr 1952 wird auch der Sohn künstlerisch flügge. Es erscheint die erste offizielle Ankündigung als kulturhistorischer Musik-Akt: „Reka, Musikinstrumente vom Altertum bis zum Jazz“. Er präsentiert 14 historische Instrumente, u.a. eine Viola d'amore des Münchener Instrumentenbauers Paulus Alletsee aus dem Jahr 1725. Und das alles unter den Augen des stets kritischen Vaters, der das mit sehr gemischten Gefühlen betrachtete.
Berol arbeitete zu dieser Zeit ebenfalls als Tanz- und Unterhaltungspianist in einer 7-Mann-Kapelle, größtenteils im Seegarten in Kirchmöser. Daneben bediente er Filmprojektoren im Metropol. Das war seine weitere große Liebe: Kinoprojektoren. Aus dieser Liebe entsprang ein „Kino-Roboter“, der im Schaufenster stehend von Passanten gestartet werden konnte und einen Werbefilm präsentierte. Die Grabenstraße 21 bot einen Werkstattraum. Und weiter entstand aus Teilen alter Kinoprojektoren eine „Schmalfilmtheatermaschine mit Bogenlicht“. Später wird Berol Lehrausbilder als Filmvorführer.
Und dann hätte er fast auch noch, auf Grund seiner ausgeprägten technischen Fähigkeiten, eine Stelle als Meß- und Regeltechniker im Stahl- und Walzwerk Brandenburg angetreten. Hat er aber nicht. Statt dessen machte er sich an die Neugestaltung der Leierkasten-Nummer mit einer handvoll Soloinstrumente, die aus diesem scheinbar defekten Kasten hervorgezaubert werden: Pfeifen, Bälge, Hupen oder ein kleines Xylophon.
Schließlich bekommt er eine Stelle als Verwalter im Clubhaus des Handels angeboten und nimmt sie an. Er wird Leiter der Musikwarenverkaufsstelle der HO. Hier hätte er glücklich werden können.
Berol übernimmt nach dem Tode seines Vaters Paul, 1963, dessen Sammlung und beginnt gleichzeitig seine eigene Sammlung.
Aber die Unruhe treibt ihn weiter. Nun steigt Berol immer mehr ganz in Vaters Schuhe. Als 1967 in der Passage Steintorturm das Schreibwarengeschäft von Gustav Weiß geschlossen wird, eröffnet Berol hier seinen „Musentempel“. Es entsteht eine„Ausstellung von kultur-historischen Musikinstrumenten“. Erwachsene 80 Pfennig, Schüler 20 Pfennig. Platz ist für maximal 15 Personen, die einen Stunden-Vortrag von 30 Musikinstrumenten mit Halbplayback vom Tonband geliefert bekommen.
Das Publikums-Echo ist mager. Fachleute würdigen die Sammlung allerdings, so in einem Gutachten vom Leiter des Musikinstrumenten-Museums der Karl-Marx-Universität Leipzig.
Er stellt fest, dass hier mit rund 200 Instrumenten ein Überblick über die wichtigsten Gattungen von Musikinstrumenten des 18. bis 20.Jahrhunderts vorliegt und einige Gattungen sogar bis in das späte Mittelalter hinein nachvollziehbar sind. Darunter einige von erheblichem Seltenheitswert.
Berol Kaiser-Reka wird samt seiner Sammlung 1970 nach Potsdam ins Neue Palais abgeworben. Die folgenden Jahre werden zu den anstrengendsten – und schönsten. Während der Besucher-Saison präsentiert Berols ständig seine „Sammlung mit Instrumenten aus 9 Jahrhunderten“ und spielt 30 Instrumente vor. Sieben Tage Woche, täglich zwischen 10 und 16 Vorführungen, je 20 Minuten. Abends fällt er in sein Brandenburger Bett.
Kaiser-Rekas letzte Station ist das indes nicht. Weiter geht es nach Frankfurt an der Oder. Auch hierhin wurde er abgeworben. Schließlich kehrt er Mitte der 90 Jahre wieder nach Brandenburg an der Havel zurück. Der nach seinem Vater „Paul-Kaiser-Reka“ genannte Platz mit Brunnen in der Neustadt stellt die Würdigung nicht nur des Vaters dar, sondern – unausgesprochen - auch eine Würdigung Berols, der die Ideen des Vater aufgenommen und ganz neu inspiriert hat .
Wer die „Sammlung Reka“ bestaunen will, kann das im Museum Viadrina, Frankfurt (Oder)tun. Oder in Leipzig im Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig. In Köln befindet sich eine dritte, magazinierte Sammlung („Paul-Kaiser“) mit rund 700 Exponaten. In Brandenburg an der Havel bietet die Kurstraße 63 eine Sammlung der dem Bereich Clownerie zuzuordnenden Instrumente. Und: Man erhält eine sehr lustige Einführung per Video, in der Berol Kaiser-Reka live noch einmal zu sehen ist, wie er erfolgreich aus allem Töne zaubert. Sogar aus einem Klavier, das boxen kann.
Das Buch mit der Lebensgeschichte von Paul und Berol Kaiser-Reka liegt zum Preis von 20€ in der Kurstraße aus.
Öffnungszeiten: Dienstag - Freitag 9.00 Uhr - 17.00 Uhr, Samstag/Sonntag 10.00 Uhr - 17.00 Uhr
Eintritt: 3,00 € ermäßigt 1,00 €