Zu Besuch bei Ur-Ur-Uroma im Paulikloster
Das Archäologische Landesmuseum Brandenburg im Paulikloster
Über das neue Landesmuseum zu schreiben ist, wie über eine Zeitreise zu schreiben. Schon bei der fast mit Händen greifbaren Klosteratmosphäre des Eingangsbereiches umfängt den Besucher etwas ähnliches wie beim Öffnen einer Schatztruhe: Spannung und Neugierde.
Der Sprung in die Vergangenheit reicht gute 10.000 Jahre und mehr zurück. Erster Halt ist für uns an einer Miniaturlandschaft. In die steigen wir ein: Auch vor vielen tausend Jahren gab es schon Menschen, die so aussahen wie wir. Und die wollten überleben. Da Hartz IV damals nicht in Betracht kam, mussten also andere Wege gefunden werden. Essen musste man sich selbst erkämpfen und dem Land abtrotzen. In der nachgebauten Landschaft finden sich Bauern, die mit Hilfe eines Holzpfluges und einer Kuh den Acker pflügen. Bei Ausgrabungen fand man solche Pflugreste und wundert sich, dass es mit solchen Ästen möglich war zu arbeiten. Den dicken Ast zog man durch den Erdboden hin und her, geschleppt von der Kuh, um dann Getreide zu säen. Nebenan erkennt man Hirten, die Schafe und Ziegen weiden. Das war damals Reichtum: Tiere, die Milch gaben, und Fell und Fleisch und Knochen. Knochen? Ja, wir werfen sie heute in den Müll. Abgescheuerte Knochen zeigen, dass man damals schon ganz schön findig war. Dicke Knochen wurden als Kufen unter die Schuhe gebunden, um über das Eis rutschen zu können. Auch schwere Lasten konnten mit diesen Kufen auf Eis transportiert werden.
Faszinierend ist der Quirl, der bei Ausgrabungen auftauchte. Er sieht aus wie die Modelle, die man heute noch kennt. Damit lässt sich also die Milch von Schafen, Kühen und Ziegen verquirlen. Zusammen mit den Mahlsteinen, die man ebenfalls im Landesmuseum bewundern kann, ergibt sich schon jetzt eine Küche für Vegetarier. Aber die Menschen waren damals nicht wählerisch. Sie aßen natürlich auch Fleisch. Viele kleine Pfeilspitzen und Steinmesser zeigen, dass damals ebenfalls gejagt wurde. Sogar Holzfallen sind aus der Brandenburger Erde ausgegraben worden. Schon damals wurden technisch anspruchsvolle Ideen umgesetzt.
In einer anderen Vitrine liegt ein
merkwürdiger Haufen Sand. Der sieht aus wie alle Abfallhaufen: Dreck und Sand.
Aber weit gefehlt: Hier liegt das weltweit älteste Netz! Wenn man dann genau
hinschaut, aus welchem Seil das Netz geflochten wurde, so wundert man sich
gleich noch mehr: Kein Hanf, kein Plastik, sondern Weidenbast. Also die Rinde
von Weidenbäumen. Toll. In den benachbarten Vitrinen finden sich noch mehr
Gegenstände aus Bast: Knoten, Kordeln und Seilstücke.
Solche Entdeckungen macht man im
Landesmuseum Schritt auf Schritt: z.B. Werkzeuge aus Stein zum Hacken von Holz.
Einige Werkzeuge wurden original nachgebaut und machen einen wirklich
überzeugenden Eindruck. Das Leben der Ur-Ur-Ur-Vorfahren beschränkte sich aber
nicht auf Jagen, Essen und Trinken, sondern war ebenfalls von Kultur und
Religion belebt. Kleine Götterbilder oder verzierte Krüge zeigen, dass es
damals nicht viel anders zuging als heute. Nur mit viel weniger Farben. Man hat
direkt vor Augen, wie alles und jedes in Braun und Sandtönen gehalten ist. Und,
wenn es schmutzig wurde, dann kam eine dritte Farbe hinzu: Dreck.
Im Pauli-Museum sind Funde aus
allen Zeiten ausgestellt. So auch aus dem Mittelalter. Man bestaunt die von
unten beleuchteten Modelle einer mittelalterlichen Modellstadt. Hier ist erlebbar,
wie sich eine Stadt bildet und warum bestimmte Handwerker eben nicht am
Marktplatz arbeiten durften. Wer Tierfelle gerbte um Leder herzustellen, der
konnte wegen des Gestankes nur außerhalb der Mauern arbeiten. Auch Schmiede,
die mit ihren Hochleistungsöfen eine Bedrohung für die feuergefährdeten
Holzhäuser im Umfeld waren, mussten raus aus dem Stadtinneren. Wie weit die
Handwerkskunst fortgeschritten war, sieht man in den fein gefertigten
Halsanhängern: Sie könnten heute genauso in Schaufenstern liegen. Kleine Würfel
und Schachfiguren erzählen von der Spielfreude der Menschen. Und von der Freude
an schönen Dingen. Denn erstaunlich vieles ist einfach nur hübsch anzuschauen.
Brandenburg hatte schon recht früh Handwerker, die die Herstellung von Glas
beherrschten. Sie brachten Farbe in den Alltag: Bunte Ringe, die zwar
zerbrechlich aber farbenfroh waren.
Die Alltagsdinge, die damals jemand
verloren hat, fesseln besonders. Schuhe aus dem Mittelalter, die so aussehen,
als könnte man sie nach einer Reparatur gleich wieder verwenden. Und schick
sehen sie auch noch aus. Einige Schritte weiter und gleich ein paar hundert
Jahre später findet man einen Wasserkasten aus Ton. Reich verziert und mit
einem Deckel diente er eigentlich dazu, als Wasserspender in einem Raum zu
stehen. Trinkwasser aus so einem Kästchen- das war purer Luxus. Da aber dieser
ausgestellte Kasten bereits bei der Herstellung einen großen Riss bekam,
verschwand er im Müll.
Auch Notzeiten wie Pest und Kriege
haben ihre Spuren in der Brandenburger Erde versenkt: Amulette gegen
Krankheiten, Knochen von jung Verstorbenen. Von Mensch und Tier. Sogar der
Abdruck einer Hundepfote in einem Backstein ist erhalten. Raum um Raum nähert
man sich der Gegenwart. Alles, was der Brandenburger Sand freigab wird gezeigt:
Tassen im Bauhaus-Design, Goldmünzen, Soldatenhelme.
Betritt man nach dem Rundgang
wieder die Neustadt, dann hat man den Kopf noch voller Eindrücke dieser
Vergangenheit. Und man fragt sich, ob es damals so viel anders war als heute.
Archäologisches Landesmuseum
Brandenburg im Paulikloster in Brandenburg an der Havel www.paulikloster.de
Geöffnet dienstags bis sonntags von
10.00 Uhr bis 17.00 Uhr.
Eintrittspreise: Erwachsene 5,00 €,
Familien 10,00 €
Kinder unter 10 Jahre haben freien
Eintritt.