Landung in der Sommerfrühe, kurz nach 5.00 Uhr.
Brandenburg an der Havel, Deine Überflieger
Brandenburg an der Havel ist reich an Schätzen. Manche sind im Boden vergraben, andere fliegen am Himmel.
Solche Überfliegerschätze findet man an sonnigen Tagen über dem Beetzsee oder bei richtig guter Sicht, sogar bis weit ins Umland hinein.
Der Fliegerclub Brandenburg e. V. ist eine echte Fundgrube für solche Schätze. Es sind die Segelflugzeuge und es sind die Menschen. Es sind die Flugerlebnisse und es ist das Areal. Der Verein mischt bei Bundeswettkämpfen inzwischen auf respektablen vorderen Plätzen mit und ist während des Jahres regelmäßig Austragungsort und Gastgeber der erschiedensten Flugveranstaltungen. So wie der jährliche sommerliche Flug in den Sonnenaufgang.
Männer wollen alle nur das Eine: Fliegen
Der Wecker klingelt bei den ersten Fliegern bereits dann, wenn andernorts die Partylaune gerade unter lautem „Amadeus, Amadeus“-Geschrei ihren Höhepunkt erreicht. 3.00 Uhr morgens, es ist noch finster, an einem Sonntag, beginnt die Besprechung des Flugplanes. Keine Ahnung, wie man um die Uhrzeit bereits komplette Sätze formulieren kann, und keine Ahnung, wer um die Uhrzeit ganze Sätze versteht. Aber es klappt. Die Segler sind lange vor dem Aufsteigen der Sonne bereits auf dem kurz gemähten Landeplatz. Wer Brandenburg an der Havel Richtung Mötzow verlässt, passiert das Landefeld nach einigen Kilometern.
Deshalb stehen harte Kerle so früh auf: Weil der Morgen schön ist!
Der Schauspieler Jean Maesér (rechts) im Gespräch.
An diesem Tag sind es nur ein paar abenteuerlustige Flugfreunde, die mit dem Auto erfinden. Sonnenaufgang 4.05 Uhr: Damit die Segler das Spektakel rechtzeitig aus der Luft erleben können, müssen sie also kurz vorher starten. Eine alte Motorwinde mit langem Stahlseil schleppt die Flieger und katapultiert sie in Sekunden auf 200 Meter Höhe. Man kann es sich vorstellen, wie die Fahrt in einem gedopten Aufzug, der nicht wie gewöhnlich nach oben fährt, sondern beständig in wenigen Sekunden eine irrwitzige Geschwindigkeit erreicht. Gerade in dem Augenblick, wenn sich das Bewusstsein aus dem Schädel verabschieden möchte, ist der Startvorgang beendet und der Flieger schwebt auf dem sicheren Kissen der Luftströmung. Tagsüber segeln die Maschinen auf der Thermik, also der Lufsteigenden Luftströmung. Nachts gibt es keine Thermik, daher ist die nächtliche Segelzeit nur so lange, wie das Flugzeug ohne Unterstützung benötigt um heil wieder nach einer Runde auf dem Flugplatz zu landen. Sieben Minuten maximal gleiten die Nachtflieger durch die Dämmerung. Eins nach dem anderen wird in den Sommermorgen geschleudert und gleitet über die verschlafenen Felder Brandenburgs. Am Horizont breitet sich Brandenburg entlang der Havel aus. Hier sieht man endlich die wahre Bedeutung des Stadtnamens. Brandenburg an der Havel ist durchzogen und umgeben von Wasserläufen. Der Morgennebel hüllt die Welt noch in einen weichen Dunst ein. Es gibt keine besondere Weitsicht, aber wofür auch. Der Teppich aus Seen, Straßen, kleinen Häusern und Nachtlaternen breitet sich unter den Seglern aus. Wenn dann unter dem Schleier der Morgenwolken das erste Tageslicht auf die Welt blickt, dann ist ein Funken Glück zu spüren. Glück, dass inmitten des Alltags eine Lücke zum Segler gefunden hat. Ein Blick in das Abenteuer des Fliegens. Sieben Minuten maximal.
Der Sonnenaufgang ist die Belohnung für alle Frühaufsteher.
Mein Flieger ist ein älterer englischer Segler, der die Runde in vier Minuten schafft. Die Landung ohne Räder geht auf dem vom Morgentau glatten Gras ganz einfach. Schwer zu schätzen, wie viele Meter das Flugzeug ins Feld gleitet. Aber wenige Sekunden später tauchen aus der Morgendämmerung bereits Helfer auf, die die Segler zurück zum Start schieben. Ein Traktor tuckert derweil ständig von der Schleppwinde zu den Fliegern hin und her, um das schwere Startseil wieder zum Einsatz zu bringen. Und alles um 4.00 Uhr morgens. Das glaubt einem Niemand. Doch das Schönste kommt erst in den folgenden Stunden. Denn wenn die Sonne jetzt die Felder flutet, atmet alles mit vollen Lungen die reine Morgenluft. Ist es die Stille der Felder oder das leise Rauschen der Segler, die oben am Himmel vergnügt mit der Handhupe in den Morgen hupen? Keine Ahnung. Die Sinne werden mit Bildern erfüllt, die für Brandenburg an der Havel nicht alltäglich sind. Aber genug der Schwelgerei. Als es im Fliegerclub Brandenburg gegen 7.00 Uhr Frühstück vor dem Klubhaus gibt, legen sich die Wellen der Aufregung langsam. Die Brötchenkommen von der Bäckerei am Molkenmarkt, der Kaffee kommt aus den hermoskannen der Flieger. Und ich komme gerade aus dem Himmel. Es geht zu, wie unter Freunden, dabei gehöre ich erst seit 4.00 Uhr dazu. Das sind echte Überflieger!
Kontakt:
Fliegerklub Brandenburg e.V.
Mötzower Landstraße 120
14776 Brandenburg
Telefon: 03381/52112
[Text u. Bilder: Alexander Mühle]